
Ich muss das einmal loswerden, ganz offen und ohne Umschweife: Ich bin es leid, Igel mit abgetrennten Beinen, aufgeschlitzten Bäuchen und Schnittwunden zu sehen, die eigentlich nicht sein müssten. Das passiert nicht durch Fuchs, Auto oder Krankheit. Das passiert, weil in unseren Gärten nachts kleine Maschinen unbeaufsichtigt ihre Runden drehen – und dabei über Tiere fahren, die sich nicht wehren können.
Warum mich das wütend macht
Igel flüchten nicht, wenn Gefahr droht. Sie rollen sich ein. Das schützt sie vor Fuchs, Hund und Marder seit Jahrtausenden zuverlässig – gegen ein rotierendes Mähwerk ist diese Strategie aber wirkungslos. Das Tier bleibt einfach liegen, während die Klingen darüberfahren. Und obwohl manche Hersteller mit "Igel-Erkennung" werben: Nach Untersuchungen der Igelforschungsgruppe am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) erkennen Mähroboter Igel in der Regel nicht zuverlässig.
Das IZW hat 370 dokumentierte Fälle von Schnittverletzungen bei Igeln durch Gartengeräte zwischen Juni 2022 und September 2023 in Deutschland ausgewertet. Das Ergebnis macht mich fassungslos: Knapp die Hälfte der aufgefundenen Igel überlebte die Verletzungen nicht – die Tiere starben während der Behandlung oder mussten von uns Tierärzt:innen eingeschläfert werden. Genau das ist der Teil unseres Berufs, den ich am meisten hasse: einem Tier, das eigentlich hätte gerettet werden können, wenn es nur nicht so schwer verstümmelt wäre, am Ende doch nur noch beim Sterben helfen zu können. Das passiert in unserer Praxis nicht selten – und jedes Mal ist es vermeidbar gewesen. Erst letzte Woche hatten wir wieder so einen Fall auf dem Tisch (ein Foto davon finden Sie weiter unten, hinter einer Warnung): ein Igel mit einer bereits mehrere Tage alten Wunde, der Nase komplett verloren und die Stirnwunde voller Fliegeneier. Stark abgemagert, weil er sich vor Schmerzen kaum noch bewegen konnte. Wir mussten ihn erlösen.
Noch schlimmer: Mindestens 60 % der verletzten Igel wurden erst Tage oder sogar Wochen nach dem Unfall gefunden. Igel äußern keine Schmerzlaute und verstecken sich instinktiv, wenn sie verletzt sind – statt sofortiger Hilfe folgt für diese Tiere also tage- bis wochenlanges Leiden mit offenen, sich entzündenden Wunden, bevor überhaupt jemand bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Das ist kein schneller Tod. Das ist ein Martyrium, das sich mit ein paar einfachen Einstellungen am Mähroboter fast vollständig vermeiden ließe.
Dazu kommt: Igel werden in unseren Gärten ohnehin schon spürbar seltener. Verlässliche bundesweite Bestandszahlen fehlen zwar bis heute, aber Fachleute sind sich einig, dass der Bestand rückläufig ist – der Igel steht seit 2020 auf der deutschen "Vorwarnliste" für gefährdete Arten, und die Deutsche Wildtier Stiftung kürte ihn 2024 zum "Wildtier des Jahres", um genau auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen. Lebensraumverlust, immer weniger Insekten als Nahrung und versiegelte Flächen setzen den Tieren ohnehin schon zu. Dass ausgerechnet in den letzten naturnahen Rückzugsorten – unseren Gärten – zusätzlich rotierende Klingen unterwegs sind, ist da schlicht unnötig.
Das ist kein Einzelfall und kein Zufall. Das ist eine absehbare, wiederkehrende Folge davon, dass eine Maschine nachts genau dann durch den Garten fährt, wenn Igel unterwegs sind – nämlich in der Dämmerung und in der Nacht. Und es lässt sich mit ein paar einfachen Einstellungen fast vollständig vermeiden. Genau das macht es so ärgerlich.
⚠ Sensibler Inhalt: echtes Foto eines Patienten anzeigen (Klick zum Aufklappen)
Ein echter Patient aus unserer Praxis (Aufnahme von letzter Woche): Durch die Mähroboter-Verletzung fehlte die Nase bereits, die Stirn war abgeschürft und von Fliegeneiern befallen (Myiasis) – die Wunde war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Tage alt, das Tier stark abgemagert. Wir mussten es von seinem Leiden erlösen.
Was Sie konkret tun können
Die gute Nachricht: Sie müssen Ihren Mähroboter deswegen nicht verbannen. Es reicht, ihn verantwortungsvoll einzusetzen.
- Nur tagsüber mähen lassen. Stellen Sie die Mähzeiten so ein, dass der Roboter ausschließlich zwischen etwa 9 und 18 Uhr fährt – niemals in der Dämmerung, nachts oder in den frühen Morgenstunden. Genau das empfiehlt auch der NABU, weil Igel überwiegend nachts und in der Dämmerung unterwegs sind.
- Nicht unbeaufsichtigt laufen lassen, insbesondere abends. Wer den Garten vor dem Start kurz mit einer Taschenlampe absucht, findet Igel meist zuverlässig.
- Sperrzeiten und Nachtfahrverbote ernst nehmen, falls Ihre Kommune solche Regelungen hat – etwa in Köln, Dortmund, Düsseldorf, Mönchengladbach, Münster oder im Kreis Wesel und im Rhein-Erft-Kreis. Auch ohne kommunale Vorgabe gilt: nachts hat der Mähroboter im Garten nichts verloren.
- Barrieren für igelfreie Zonen nutzen, z. B. um Komposthaufen, Hecken und Totholzhaufen – klassische Verstecke, in denen sich Igel tagsüber gerne aufhalten.
- Auf realistische Erwartungen an "Tiererkennung" verzichten. Verlassen Sie sich nicht allein auf Sensoren – die genannte Studienlage zeigt, dass diese Igel meist nicht zuverlässig erkennen.
Was tun, wenn Sie einen verletzten Igel finden?
Bringen Sie das Tier vorsichtig (z. B. mit dicken Handschuhen oder einem Handtuch) in einen Karton mit weichem Untergrund und halten Sie es warm. Verletzte Igel gehören umgehend in tierärztliche Behandlung – zögern Sie nicht, uns anzurufen. Bei offensichtlichen Schnittverletzungen zählt jede Stunde.
Igel stehen unter besonderem Schutz. Uns liegt dieses Thema wirklich am Herzen – nicht, weil es gerade "im Trend" ist, sondern weil wir viel zu oft sehen, was diese Maschinen anrichten können, wenn man es nicht anders will.
Quellen & Stand
Angaben recherchiert am 22.09.2026.
- NABU NRW: Mähroboter – Tödliche Gefahr für Igel
- NABU: Mähroboter – Gefahr für Igel
- BUND: Warum Mähroboter für Igel eine Todesfalle sind
- Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW): Neue Forschung zu Schnittverletzungen bei Igeln durch Mähroboter
- Deutsche Wildtier Stiftung: Todesfalle Mähroboter
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